IndustrieTrends

Trends der Industrie

(letztes Update: 30. Oktober 2000:)

Deutsche wehrtechnische Industrie

Nach der Gründung der EADS verbleiben der deutschen Wehrtechnik im wesentlichen vier Pfeiler:

  1. Marine-Rüstung mit Blohm & Voss, Howaldswerke - Deutsche Werft AG, Thyssen Nordseewerke;
  2. Diehl-VA (Verteidigung + Avionik)
  3. Rheinmetall-DeTec AG
  4. Krauss-Maffei Wegmann

Im Bereich der Werften ist nicht zu erwarten, dass Global Player eine Übernahme anstreben. Mit Sicherheit kann man eine Konzentration erwarten. Thyssen Nordseewerke steht auf der Verkaufsliste obenan. Dann fehlt nur noch die Vereinigung von B & V und Deutsche Werft.

Diehl VA

Die Diehl-Stiftung, Nürnberg, Familien-Unternehmen seit 1902, erwirtschaftete 1999 mit 12.140  Mitarbeitern einen Umsatz von 3,1 Mrd. DM. Der Trend für 2000 ist mit 3,1 Mrd. DM bei 11.610 Mitarbeitern angegeben. Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben liegen mit rund 11 % vom Umsatz bei 340 Mio. DM für 1999. Die Investitionen solen von 120 (1999) auf 150 Mio. DM steigen.

Sehr interessant ist der Teilkonzern Diehl VA (Verteidigungssysteme und Avionik) mit einem Umsatz von 965 Mio. DM in 1999 (2000 projektiert: 974 Mio. DM), erwirtschaftet von 3.600 (3.520) Mitarbeitern. Die Beteiligungen von Diehl sollen 2000 einen Umsatz von 160 Mio. DM erreichen; der Wehrtechnik-Anteil davon wird auf 35% beziffert, also rund 56 Mio. DM. Der Wehrtechnik-Anteil von Diehl liegt damit bei rund 1 Mrd. DM

Diehl VA ist mit Sicherheit ein Juwel für jeden Konzern. Insbesondere das Bodenseewerk Gerätetechnik (BGT) in Überlingen mit einer 20 %igen Minderheitsbeteiligung von Matra wäre Playern wie Raytheon, EADS oder BAE Systems sicherlich etliche Mrd. US$ wert.

Das Unternehmen operiert äusserst geschickt, denn es geht Allianzen mit amerikanischen Marktführern wie Raytheon, Lockheed Martin oder der Thomson CSF ein. Auf dem Zukunfts-Sektor Abstandswaffen und Präzisionsmunition (Missile Systems) gehört Diehl VA (BGT) mit SAAB/Schweden zu den einzigen kleineren Firmen, alle anderen sind Global Player.

Die EADS/Defence and Civil Systems drängt mächtig, vor allem die BGT zu bekommen und hat Diehl ein 50:50 Deal angeboten. Aber das reicht den Nürnbergern nicht.

 

Rheinmetall-Detec

Die Rheinmetall-Detec AG ist nach der Europäisierung der DASA nun Deutschlands grösster Rüstungskonzern und im Besitz der Röchling-Familie, Mannheim. Zum Unternehmen gehören kompetente Firmen wie z. B. STN Atlas, MaK, Mauser, Eurometaal, Oerlikon-Contraves.
Der Unternehmensbereich Defence hatte 1999 einen Umsatz 1,335 Mrd. Euro, erwirtschaftet von 9.248 Mitarbeitern (= ca. 0,288 Mio. DM pro Mitarbeiter). Nach der Aufsichtsrats-Sitzung vom 9. Sept. 2000 gibt es jetzt nicht eine Neuordnung des Konzerns; MaK und andere heissen jetzt “Land-Systeme”.

Zuletzt hatte das Unternehmen die schweizerische Oerlikon-Contraves gekauft. Bezüglich des Verkaufs von Santa Barbara (Panzer und Munition, Lizenzbau von 212 Leopard 2 A5 ES) wurde gemeldet, dass Rheinmetall zusammen mit Krauss-Maffei Wegmann angetreten war, die Übernahme des spanischen Staatsunternehmens durch den US-Konzern General Dynamics Land Systems (Hersteller des US-Panzer M 1 Abrams, ca. 8.500 Stück) zu verhindern, was bisher nicht gelang. Nach dem deutschen Regierungs-Besuch am 16./17. Sept. 2000 in Spanien hat sich dem Vernehmen nach Kanzler Schröder und Verteidigungsminister Scharping für die deutsche Lösung stark gemacht, die spanische Regierung aber schiebt die Entscheidung auf.

Bei Rheinmetall Detec AG muss vor allem die STN Atlas mit einem Umsatz von 518,5 Mio. Euro (1999) von grossem Interesse sein, an der wiederum BAE Systems eine 49 %ige Beteiligung hält. Auf dem Gebiet der unbemannten Flugkörper (UAV) gehört STN Atlas zu den führenden Anbietern in Europa. Selbst die Aktivitäten der “grossen” Aerospatiale Matra nehmen sich dagegen bescheiden aus.

(siehe hierzu das
Interview mit Herrn Mario Gabrielli, Vorstandsmitglied der Rheinmetall-DeTec AG)

Krauss-Maffei Wegmann

Wirklich im Gerede ist Krauss-Maffei Wegmann (KMW) mit Sitz in München. Der in Europa führende Panzerbauer ist mit dem Mannesmann-Strudel im Paket Atecs bei Bosch/Siemens gelandet, die nicht im Verdacht stehen, den Panzer-Anteil von KMW (etwa 49 %) unbedingt behalten zu wollen; als Zeitraum werden die nächsten drei Jahre genannt (Ende 2002). 51 % der KMW hält die Wegmann Unternehmens-Holding, konkret die Familie Bode.

1999 betrug der Umsatz des Unternehmens rund 1,3 Mrd. DM, erwirtschaftet von 2.200 Mitarbeitern (= 0,591 Mio. DM pro Mitarbeiter)

Der Kauf-Kandidat, dem KMW wie das letzte Puzzle-Stück ins Bild passen würde, ist der US-Konzern United Defense, der zwar alle möglichen Arten von Landfahrzeugen im Portfolio hat, nicht aber einen Kampfpanzer. Seine europäische Unternehmungslust hatte United Defense Mitte Juni bewiesen, als es von SAAB die Firma Bofors (Artillerie-Systeme Heer/Marine, Präzisionsmunition) gekauft hat.

Wertvoll an KMW ist vor allem deren Arbeit an der Panzerhaubitze 2000 (zunächst 185 Stück bis 2002) und am GTK (Gepanzertes Transport/Kampf-Fahrzeug), dass zusammen mit der zu Rheinmetall gehörenden MAK Stytems, der britischen Alvis und der niederländischen Stork N.V.in der neu gegründeten Gesellschaft Artec bis zum Jahr 2002 entwickelt und danach zwei Jahre erprobt wird.

Zukunftsweisend ist der GTK-Ansatz, mit einem Fahrzeug (6x6, 8x8) verschiedene “Container” für die  Aufgaben Kampf, Kampfunterstützung und C4IRS aufnehmen zu können. Genau dieses Konzept wird von der US-Army verfolgt; die Vorteile für Instandsetzung, Logistik u. ä. hinsichtlich der Betriebskosten liegen auf der Hand. Nachteilig ist das Gewicht des GTK.

Lt. Angaben von KMW (5.11.99) sind hinsichtlich des GTK (engl.: Multi Role Armoured Vehicle = MRAV) die folgenden Daten genannt worden:

  • 110 Mio. Euro Entwicklungsprogramm 2002 - 2004;
  • 750 Mio. Euro Option für die Fertigung von 600 GTK (= 1,25 Mio. Euro/Stück);
  • 3.000 GTK Bedarf von D + GB für 20 verschiedene Missionen; Produktionszeitraum 10 Jahre;
  • 200 St. Anfangsbedarf der NL, Gesamtbedarf 500
  • 4,5 Mrd. Euro (4.000 Fhzg.) Gesamt-Erwartung

ZEISS Optronik (ZEO), Oberkochen

ZEO hat 300 Mitarbeiter; davon sind 150 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker.
- Der Umsatz von 130 Mio. DM ist zu 90 % militärisch, 10 % zivil.
- 70 % des Umsatzes werden in der Produktion, 30 % durch Entwicklung erwirtschaftet.
- 60 % des Umsatzes kommen aus dem Inland, 40 % aus dem Export.
- Vorsitzender der Geschäftsführung ist Klaus Leinmüller.

ZEO ist ausnehmend stark auf den Gebieten Wärme-Bildgeräte, Laser-Entfernungsmessung, Periskope für Land-, Luft- und See-Systeme; in dem u. a. für Tornado und Eurofighter vorgesehenen Unter-Flügel-System (Pod) “Litening” sind alle Sensor-Systeme für luftgestützte Ziel-Auffassung und Navigation unter allen Wetter-Bedingungen integriert.

ZEO ist mit Sicherheit eine Perle und müsste Unternehmen wie Rheinmetall DeTec oder Diehl eigentlich reizen. Dass Thomson CSF (neuer Name: Thales) als “Spitzenreiter” für die Partner-Suche von ZEO gilt, spricht für das Management dieses internationalen, von vielen aber als “französisch” eingestuften Unternehmens. EADS/DCS “führt keine Gespräche”; für sie ist das “eine unserer ehemaligen Aktivitäten”:

Fazit:

Für die beiden Unternehmen Rheinmetall-DeTec und KMW wird die durch die Umstrukturierung der Bundeswehr bedingte Neuausrichtung der Beschaffung von entscheidender Bedeutung sein. Mangelnden Finanzen und die neuen Prioritäten der Bundeswehr müssten in einer überproportionalen Kürzung in den Bereichen münden, auf denen der Hauptumsatz beider Unternehmen liegt.

Dazu kommt die Frage einer möglichen Entscheidung der türkischen und deutschen Regierung hinsichtlich des Baus von 1.000 Panzern. Fällt sie negativ aus, wird die Motivation zum wehrtechnischen Engagement bei den Eigentümern eher nachlassen. Dann wäre das Kalkül, den durch einen Verkauf der Wehrtechnik-Sparte zu erzielenden Betrag in eine zivile Abrundung zu investieren, naheliegend (Konzentration auf Kernkompetenz).

Warum Rheinmetall-Detec zusammen mit KMW in der Sache Santa Barbara angetreten ist, muss nicht an dem strategischen Interesse der Eigner-Familien Röchling und Bode an der Wehrtechnik liegen. Die einzige plausibele Erklärung ist, dass beide im Grunde “verfeindete” Unternehmens-Führungen sich des US-Ansturms erwehren wollen, selbst wenn es absolut unproduktiv, teuer und rückwärts gerichtet ist.

Interessant ist, dass trotz gegenteiliger Behauptung in Kreisen der Wehrtechnik die Bundesregierung über den Verteidigungsminister Scharping und auch Bundeskanzler Schröder ganz erhebliche Schützenhilfe für die Familien Röchling und Bode leistet, den US-Kauf des spanischen Unternehmens doch noch zu vereiteln, wie der SPIEGEL (28/2000) berichtet.

Bezüglich der militärischen Landsysteme steht die Konzentration der wehrtechnischen Industrie noch aus. Sie kann sich, lässt man ein starkes US-Engagement ausser acht, nur auf 3 Konkurrenten beziehen: GIAT (F), BAE Systems (GB), KMW/Rheinmetall-D.

GIAT
(Umsatz 5,7 Mrd. FF = 0,87 Mrd. Euro, 8000 Mitarbeiter, = 0,218 Mio. DM pro Mitarbeiter, 60 % Export, Auftragsbuch 16 Mrd. FF) wird zwar privatisiert, ist jedoch nicht in der Lage, Firmenkäufe zu finanzieren. Um konkurrenz-fähig zu sein, müsste das Unternehmen ungefähr die Hälfte der Belegschaft entlassen.

BAE Systems hat mit seiner Royal Ordnance eine starke Landsystem-Komponente und wäre finanzstark genug, die deutschen Firmen aufzukaufen. Es ist jedoch nicht einsichtig, warum BAE in diesem Bereich engagieren sollte, denn er ist weder attraktiv noch besonders zukunftsweisend. Die Strategien des Unternehmens zielen ziemlich stark auf die USA.

Die Fusion von KMW und Rheinmetall-DeTec würde eine stabile Grösse in Europa ergeben. Beide Unternehmen bauen zusammen mit ihren sehr kompetenten Zuliefer-Firmen militärische Landsysteme wie den Leopard 2 oder die Panzerhaubitze 2000, die weltweit ungeschlagen sind. Diese sinnhafte Fusion wird aber nicht stattfinden, solange die sich im Grunde in tiefster Gegnerschaft befindlichen Eigner und Führungs-Eliten beider Firmen nicht gezwungen werden, ihren persönlichen Kleinkrieg aufzugeben; beide Seiten sind un-kooperativ und europäischer oder gar transatlantischer Kooperation gegenüber in nationaler Beengung verschlossen. Da nach sehr langer Zeit wieder ein Verteidigungsminister amtiert, der sich mit diesen Fragen beschäftigen und den Strategie-Dialog mit der Industrie wieder aufnehmen will, kann man nur hoffen, dass er durch eine dementsprechende Beschaffungs-Politik den Fusionszwang erzeugt.

(Neu: 30. 10. 2000)

Schröder/Scharping und Rüstungsindustrie: Strategische Allianz

Wir müssen uns auch ‘mal selber loben: Die vorherige Fazit-Empfehlung (letzter Absatz und “oben”) haben wir vor einiger Zeit geschrieben: Und Kanzler Schröder und Minister Scharping haben es gemacht:
Am 27. 10. 2000 haben sie eine gemeinsame Erklärung in Sachen Heeres- und Marine-WT-Industrie abgegeben (unbedingt abladen unter
www.bundeswehr.de):

  • Krauss-Maffei/Wegmann, Rheinmetall DeTec und Diehl bilden eine “strategische Allianz”
  • Babcock Borsig und Thyssen Krupp Industries bilden eine “strategische Allianz”.

Nun “schaun mer ‘mal”, was die Beteiligten daraus machen.
Aber das ausgerechnet die “vaterlandslosen Gesellen” so etwas machen?

  • Europäische Unternehmen der Luft-/Raumfahrt/Wehrtechnik

In Europa existieren mit dem Börsengang der EADS (10. Juli 2000) jetzt drei grosse Unternehmen, die in der Rubrizierung Luft/Raumfahrt - Verteidigungsindustrie in der internationalen Einordnung nach Angaben der EADS gemäss www.eads-nv.com (Juli 2000) wie folgt positioniert sind (Umsatz in Mrd. Euro):

1

Boeing

54,2

2

Lockheed Martin

23,8

3

EADS

22,5  1)

4

BAE Systems

18,8

5

Raytheon

18,5

6

Northrop

8,4

7

Thales (Thomson CSF)

6,9

1) Diese Angabe ist unverständlich, denn die EADS gibt ihren Umsatz (in Mrd. Euro) nach Geschäftsbereichen wie folgt an: Airbus 12,749; Mil. Transportflgz. 0,241; Luftfahrt 4,280; Raumfahrt 2,518; Verteidigung/Zivile Systeme 3,830 an. Diesen Angaben addieren sich auf den Wert von 23,6 Mrd. Euro statt wie vorher 22,5 Mrd. Euro.

European Aeronautic Defense and Space Company (EADS)

Die EADS setzt sich im wesentlichen aus den Bereichen Airbus, EuroFighter und den zivilen und militärischen Raketen-Programmen der Aerospatiale Matra zusammen. Dabei ist folgendes beachtenswert:

  1. Die EADS (80 %) wird mit BAE Systems (20 %) zusammen die Airbus Integrated Company (AIC) gründen, nach französischem Recht mit Sitz in Toulouse.
  2. Im Bereich militärischer Raketensysteme entsteht ebenfalls eine neue Firma mit dem provisorischen Namen New MBD, zusammengesetzt aus:
    - Aerospatiale Matra Missiles (gleichzeitig EADS)
    - Matra BAe Dynamics (50 % Aerospatiale Matra, 50 % BAE Systems)
    - Alenia Marconi Systemes (50 % BAE Systems, 50 % Finmeccanica).

Die New MBD macht auf dem Gebiet Missile Systems einen Umsatz von ungefähr 2,7 Mrd. US$ und rangiert damit hinter Raytheon (ca. 3,4 Mrd US$) vor Lockheed Martin (ca. 1,7 Mrd. US$) und Boeing (ca. 1 Mrd. US$).

Es bleibt abzuwarten, ob es dem Management der EADS gelingt, aus der quasi Holding-Situation zu einem eigenen Profil zu kommen. Mit BAE Systems hat die EADS einerseits einen Kooperationspartner, andererseit aber ihren schärfsten Konkurrenten im Boot.

BAE Systems

Diese Firma ist der grösste Rüstungskonzern in Europa (reiner Defense-Umsatz 1999: 5,8 Mrd. Pfund) mit weltweiten Beteiligungen und strategischen Allianzen und hinter Lockheed/Martin und Boeing der drittgrösste weltweit. Derzeitig ist BAE Systems der einzige europäische Konzern, der von den USA hinsichtlich der rigiden Rüstungsexport-Regelungen als “amerikanische” Firma eingestuft wird. Es dürfte wohl kaum ein wichtiges Rüstungsunternehmen/-projekt in Europa geben, an dem BAE nicht irgendwie beteiligt ist (oder eine Beteiligung anstrebt). Nach BAE-Angaben entstehen 67 % des EADS-Umsatzes in Zusammenarbeit mit BAE, aber nur 25 % des BAE-Umsatzes mit der EADS, zu der sie in massiver Konkurrenz steht.

Das Unternehmen hatte bisher eine gute Börsen-Performance. Ende 1999 betrug der Auftragsbestand 36,6 Mrd. engl. Pfund. Man kann davon ausgehen, dass BAE weltweit Firmen zukaufen wird. Der Firma wird in Fachkreisen eine gutgefüllte “Kriegskasse” nachgesagt.

Thales (füher Thomson CSF)

Thales erwirtschaftete 1999 einen Umsatz von 3,833 Mrd. Euro auf dem Verteidigungssektor (= 56 %; 24 % Informationstechnologie; 20 % Luftfahrt). Auch dieses Unternehmen hat sich durch Zukäufe (z. B. Racal, mit deren Umsatz sie an die 8 Mrd.-Grenze kommen) als Global Player weltweit etabliert und kann in Konkurrenz zu US-Firmen treten oder aber projektbezogene Kooperationen eingehen; derzeit  bestehen solche mit Lockheed und Raytheon.

Obwohl die französische Regierung als 34%-Anteilseigner eine Verbindung mit der EADS will, hat sich während der ILA der Vorstandsvorsitzende, Denis Ranque, eindeutig gegen solche Bestrebungen gewandt (FAZ, 7.6.00).

Auf dem wichtigen Gebiet C4IRS/Digitalisierung dürfte das Unternehmen im europäischen Raum kaum zu schlagen sein und befindet sich so in einer nicht anzufechtenden Position. Auch die EADS will ihre Anstrengungen auf dem Gebiet Elektronik/Kommunikation erheblich verstärken und geht dazu auch, wie bei der Korvette K 130, Kooperationen mit Thales (über deren Tochter Hollandse Signaalapparaten) ein.

Fazit:

  1. Von den “grossen Drei” steht die EADS unter dem grössten Erfolgsdruck, besonders die von Dr. Thomas Enders geleitete Division “Defence and Civil Systems” (DCS). Im Gegensatz zu den restlichen vier Säulen Airbus, Aeronautics, Military Transport Aircraft und Space Systems ist sein Bereich relativ rudimentär. Mit Northrop-Grumman (NOC) kommt man aber augenscheinlich gut weiter. Nachdem die DCS schon eine gemeinsame Entwicklung des Radars (Wetter und Navigation - AN/APN-241) der A400M angesagt hat, ist am 26. Juli 2000 in Farnborough nun eine Kooperation auf dem Gebiet der unbemannten Flugzeuge (Unmanned Aerial Vehicles - UAV) vereinbart worden. Damit positioniert sich die EADS/DCS hervorragend für den teueren Brocken Luft/Boden-Überwachung (AGS) mit der favorisierten Lösung Global Hawke.
     
  2. BAE Systems und Thales haben klare Unternehmens-Strukturen.
     
  3. Fast jedes Beschaffungsvorhaben kann von den drei Firmen abgedeckt werden. Dies hat Vor- und Nachteile hinsichtlich der neuen Beschaffungspraktiken.
     
  4. Eine weitere Konzentration zwischen den Drei ist nicht zu erwarten.
     
  5. Vor allem EADS und BAE werden in heftiger Konkurrenz stehen, was den Zukauf noch verbleibender interessanter Firmen in Europa angeht. Dabei wird BAE Vorteile aufgrund des Firmenprofils haben.
     
  6. Trotz der Konkurrenz suchen die Drei bei jedem kleinsten nationalen Rüstungsprojekt in Europa in eine Teilhabe beim Konkurrenten einzutreten.

 

  • Transatlantische Kooperation

Mit der Aufarbeitung der Ergebnisse des Kosovo-Krieges der NATO ist die Frage einer transatlantischen Kooperation erneut aufgekommen. Die Entwicklung davor ist durch folgende Momente gekennzeichnet:

  1. Das Ende des Kalten Krieges hat die Ausgaben für militärische Beschaffungen allseits stark sinken lassen.
     
  2. Die USA haben den Export bzw. die Zusammenarbeit bei hochwertiger Rüstungstechnologie gegenüber ihren Verbündeten auf das Angebot des Kaufes von “black boxes” reduziert, den Export von Kooperations-Systemen lizensiert und den US-Export von Rüstungsgütern protegiert. Die Lizensierung führte z. B. bei der DASA zu der Entscheidung, US-Teile nicht mehr zu verwenden, weil US-Zeitverzögerungen eigene Lieferschwierigkeiten produzierten. Generelle Motivation für die US-Politik war nicht nur die strategische Unterstützung der industriellen Basis für die eigene Sicherheit, sondern auch der Versuch, die Weitergabe (Proliferation) von Rüstungsgütern an Risiko-Staaten (“states of concern” - frühere Bezeichnung “Schurkenstaaten”) zu verhindern.
     
  3. Die USA gaben für militärische Forschung, Entwicklung und Erprobung im Jahr 1999 rund 36 Mrd. US$ aus, während die europäischen NATO-Partner gemeinsam auf rund 9 Mrd. US$ veranschlagt werden. Dies führt zu dem väterlichen Argument, die (europäischen) “Jugendlichen” mögen doch nun bitte für sich selber sorgen.
     
  4. Auch die US-Ausgaben für militärische Beschaffungen haben sich seit 1988 (80 Mrd. US$) gegenüber 1998 (ca. 45 Mrd. US$) fast halbiert,  werden allerdings von 2000 (ca. 55 Mrd.) bis 2005 wieder auf 75 Mrd. US$ anwachsen. Als Folge gab es eine starke Konzentration auf wenige Riesenkonzerne (vor allem Boeing, Lockheed Martin, Raytheon, General Dynamic und Northrop Grumman).
     
  5. Die US-Politik hat wiederum die europäischen Rüstungskonzerne mit Argumenten gegenüber den europäischen Regierungen versorgt, in der “Festung Europa” entwickeln und beschaffen zu lassen.
     
  6. Dass die Amerikaner kaum in Europa gekauft haben, liegt in erster Linie an der mangelnden technologischen Kompetenz der Europäer. Bekannt ist andererseits, dass die USA sehr schnell zur Stelle sind, wenn in Europa irgendwer eine Technologie anbietet, die in den USA nicht zu finden ist.

Die derzeitige und zukünfte Entwicklung ist durch folgendes gekennzeichnet:

  1. Die Experten sprechen von einer 3-geteilten NATO:
    Ebene 1: Die USA führen technologisch unangefochten;
    Ebene 2: GrossBritannien und Frankreich halten “gerade noch” den Anschluss;
    Ebene 3: Der Rest der NATO-Staaten wird praktisch abgekoppelt.
  2. Die “Defense Capabilities Initiative” (DCI) der NATO versucht, diese Entwicklung, die letztlich politisch das Ende der NATO einleiten würde, aufzufangen.
  3. Mit einer Rede der Aussenministerin Madeleine K. Albright am 24. Mai 2000 anlässlich des NATO-Minister-Treffens in Florenz haben die USA die Defense Trade Security Initiative (DTSI) begonnen, um einerseits den o. a. Entwicklungen entgegen zu wirken, andererseits aber die Politik der Nicht-Weitergabe von Rüstungstechnologie (Non-Proliferation) durch ihr Regelwerk der ITAR (International Traffic in Arms Regulations) so weit wie möglich aufrecht zu erhalten (www.secretary.state.gov und www.pmdtc.org).
    John Holum, im US-Aussenministerium zuständig für Rüstungskontrolle und Angelegenheiten der Int. Sicherheit, argumentierte in diese Richtung: “Wir werden sehr hohe Standards setzen” (Defense News, 12.6.2000).

Seitens der US-Rüstungsindustrie findet die DTSI-Politik verständlicherweise Unterstützung. Da der US-Markt durch Enge gekennzeichnet ist, bietet der zunehmend kaufkräftige EU-Markt Chancen wiederum vor allem für die grossen drei US-Firmen, die ihre Neu-Bildung generell noch nicht verarbeitet haben. Ausserdem haben sie sich nicht unerheblich verschuldet und stehen unter dem Share-Holder-Druck. Deshalb wird die amerikanische Verteidigungsindustrie ihre europäischen Anstrengungen erheblich verstärken.

In Europas sehen andererseits vor allem BAE Systems, EADS und Thales, aber natürlich auch “kleine” Firmen wie Diehl VA Chancen, durch Kooperationen mit US-Firmen technologisches Know How für amerikanische wie europäische Beschaffungsvorhaben entweder einzubringen oder aber (in den meisten Fällen) anzubinden,

Die Zukunft wird zeigen, welche Staaten folgen. Auch auf der Firmenebene gibt es entprechende Regelungen; BAE Systems ist bereits “amerikanisch”. Es wird zu recherchieren sein, welche Anstrengungen die deutsche Regierung diesbezüglich unternimmt und inwieweit deutsche Firmen sowie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) Initiativen ergriffen haben. Die ersten Ergebnisse der Recherche siehe News ).

Fazit

  1. Entscheidend für die zukünftige transatlantische Kooperation wird das Verhalten der US-Regierung und der Regierungen in Europa (vor allem GB, F + D aufgrund des Beschaffungsvolumens) sein. Dabei steht das strategische “Industrial-Base-Denken” (und Arbeitsplätze und Steuern und Wiederwahl) der USA und das vergleichbare Operieren Frankreichs und GrossBritanniens sicherlich weiterhin im Vordergrund.
     
  2. Zu beobachten aber wird sein, ob die Beschaffungspolitik der USA bei ihrem neuen Kurs bleibt: “ the winner takes it all” (so z. B. bei dem gemeinsamen Flugzeugbeschaffungs-Programm für alle Teilstreitkräfte - Joint Strike Fighter, JSF). Dieser Beschaffungskurs ist erkennbar auf das Preis/Leistungs-Verhältnis, die knappen Finanzen ausgerichtet und entspricht effizientem Kunden-Verhalten.
    Er bietet europäischen Firmen die Möglichkeit, sich bei einem der Konkurrenten
    (Boeing - Lockheed Martin) einzuklinken, wie es BAE Systems unternimmt. Dabei kommt es allein auf die technische Kompetenz und die Strategie des Unternehmens an.
     
  3. Würde man unterstellen, dass die europäische Beschaffungspolitik dem gleichen Ansatz folgt und die US-Regierung keine diskriminierende ITAR-Politik betreibt, wäre die transatlantische Kooperation (endlich) auf dem Weg, der einzig erfolgversprechend ist: der durch den Wettbewerb erzwungenen transatlantischen Industrie-Kooperation.
     
  4. Andernfalls besteht die Gefahr,  das europäische Konzerne politisch Beschaffungs-Verträge mit dem Argument einwerben, dass man auf “Augenhöhe” (natürlich auf jedem Gebiet) mit der übermächtigen Konkurrenz kommen müsse.
    Durchaus verständlich ist, dass
    EADS nach ihrem Erfolg mit dem Airbus gegen Boeing nun auch erklärtermassen auf dem Gebiet der Militär-Transporter das gleiche Spiel gegen Lockheed/Martin gewinnen möchte.
    Aus der Sicht des Steuerzahlers und Konsumenten muss es aber MiK-mässig klingen, wenn in der BMVg-Presse-Mitteilung vom 27. Juli 2000 der Satz aufleuchtet: “Der Auftrag wird ‘AMC’ ermöglichen, seine Kompetenzen im Bereich des Baus von militärischen Transportflugzeugen auszubauen und somit seine Position auf dem Weltmarkt zu stärken.”
    {COTS}

Russischer Rüstungsexport

Auf der Int. Luftfahrtausstellung in Berlin wie auf der Eurosatory in Paris waren die Industrie-Vertretungen Russlands nicht zu übersehen. In mehrern Presseberichten wurde der stellvertretende Premierminister für die Verteidigungsindustrie, Ilya Kleabanov zitiert, der die folgenden Daten und Ziele für den russischen Rüstungsexport nannte (Defense News, 12.6.2000 - Zahlen in Rot, Mrd. US$, andere Angaben zum Vergleich, Military Balance 1999/2000, IISS London, S. 281, Mrd. US$ zu 1997-Preisen):

 

Russland

USA

GrossBritannien

Frankreich

Deutschland

1998

2,845

26,514

8,971

9,804

0,834

1999

3,39

    

2000

4,3

    

2001 +

5,5 -6

    

Über 60 % des bisherigen russischen Waffenexports wurden bisher nach China und Indien geliefert. Die mit Abstand interessantesten Märkte für Waffenexport sind Saudi-Arabien mit durchschnittlich 10 Mrd. US$ Importen und Taiwan mit durchschnittlich 6 Mrd. US$. Sie sind jedoch überwiegend in US-Hand
Immerhin hat NATO-Mitglied Griechenland in Russland 21 Systeme Tor M1 (Kurzstrecken-Luftabwehr) gekauft. Andererseits bieten die Vorräte der Russen im Bereich Raketen deutschen Firmen Vorteile. Die von Deutschland vorgesehene Radar-Satelliten-Aufklärung (SARLupe) ist deshalb so “billig”, weil sie mit ehemaligen russischen Interkontinental-Raketen des Typs SS-19 in den Orbit geschossen wird.

Fazit

  1. Die Beachtung der jeweiligen Grössenordnungen sowie der Qualität des Rüstungsexports ist von erheblicher Bedeutung.
  2. Rüstungsexport hat nach wie vor eine dominierende “staatliche” Komponente. Fraglich ist, ob sie unterteilt werden kann in die Bereiche “Profit”  oder (gerechtfertigte) “Hilfe zur (Selbst)Verteidigung” oder schlicht “Machtpolitik”.

 

 

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