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Afghanen mit Angst

Realität und PR driften auseinander

Thomas Ruttig, Kodirektor des unabhängigen Thinktanks "Afghanistan Analysts Network", kommentiert in taz die Lage in Afghanistan und lässt nicht viel positives erkennen. Vergleicht man die von ihm benannten Realitäten mit den Erfolgsmeldungen der NATO, fühlt man sich an die Zeit von Jamie Shea als Sprecher der NATO während des Balkan Krieges erinnert, den er selbst mit "information warfare" überschrieb.

Die Regierungen der Nato-Staaten, die die Soldaten für die Afghanistan-Schutztruppe Isaf stellen, bemühen sich zur Zeit, einen Narrativ des Erfolgs zu entwickeln: Nach einem viel beworbenen Strategiewechsel wüchsen afghanische Armee und Polizei. Beide seien immer besser in der Lage, ihr Land selbst gegen die Aufständischen zu schützen. Den Taliban und al-Qaida versetze man mächtige Schläge. Diese mit Milliarden-Programmen für Öffentlichkeitsarbeit und "public diplomacy" generierte Erzählung soll den Boden dafür bereiten, dass man sich aus Afghanistan zurückziehen und gleichzeitig behaupten kann, die schwierige Mission letztlich mit Erfolg beendet zu haben. Nur die Realität funkt ab und an dazwischen. Dass die UNO gerade 2010 als das für afghanische Zivilisten tödlichste Jahr seit der US-geführten Militärintervention gegen das Taliban-Regime nennt, spricht eine andere Sprache, nämlich die einer stetigen Eskalation der Gewalt. Schon das allein belegt ja, dass, entgegen der Nato-Erzählung, der massiv erhöhte militärische Druck die Aufständischen eben nicht zum politischen Einlenken zwingt. Sie passen nur ihre asymmetrische Kriegführung an.

Alle Sicherheitsanalysten in den Kerngebieten des Aufstands in Süd- und Südost-Afghanistan – einheimische wie internationale – bestätigen, dass sich die Kennziffern für wirklich erfolgreiche Aufstandsbekämpfung wie Zahl, geografische Ausdehnung und Wirkung gegnerischer Angriffe eben nicht positiv entwickeln. Aber weil man das in Brüssel und Washington nicht wahr haben will, reden diese Analysten nur noch "off the records". Afghanistan, das wird immer deutlicher, steht vor allem für eine schiefgelaufene politische Intervention des gerade auf diesem Gebiet
ambitionierten transatlantischen Bündnisses. Es hat Afghanistan zu einem Regime verholfen, das in den Augen sehr vieler Afghanen – und
Afghaninnen! – Alltags- und Rechtssicherheit noch weniger gewährleistet als die Taliban. Und man kann es kaum noch direkt beeinflussen, da
Präsident Karsai sich aus der Bevormundung seiner westlichen Mentoren gelöst hat und deren Fehler argumentativ geschickt gegen sie einsetzt.
Die Afghanen kaufen die Nato-Erfolgsstories ohnehin nicht. Unter ihnen herrscht blanke Angst, wieder allein gelassen zu werden – mit den
Taliban und Karsais korrupten, schießwütigen Warlords.

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