Amerikanische Geologen hätten neue, riesige Rohstoffvorkommen in Afghanistan entdeckt, hieß es aus New York. Doch ein deutscher Geologe stellt jetzt klar, dass es entgegen vieler Meldungen keine Neuuntersuchungen vor Ort gegeben hat. Stattdessen sei der Rohstoffreichtum der Region schon seit langem bekannt, die Ausbeutung der Lagerstätten aber wirtschaftlich und politisch – noch - nicht lohnend.
Seit über 20 Jahren forscht Lothar Ratschbacher, Professor für Regionale und Strukturgeologie am Institut für Geologie der TU Bergakademie Freiberg in Zentralasien. Er stellt nun klar, was die Meldung über angebelich neuentdeckte Vorkommen wert ist und was dahinter steckt. Laut dem Wissenschaftler gibt es keine Neuuntersuchungen durch amerikanische Geologen und es wurden auch keine systematischen Untersuchungen vor Ort durchgeführt.
Wie die USA von Anfang an sagten, gab es eine Neubewertung geologischen Materials, vor allem von Karten aus der Zeit der Sowjetunion, die Afghanistan vor allem in den 1970er Jahren systematisch geologisch erforscht hatte. Dabei bauten alledrings auch die Russen auf deutschen Arbeiten auf, die schon in den 60er Jahren, in einer friedlicheren Epoche in Afghanistan, durchgeführt wurden. Die jetzt verbreiteten Untersuchungen stammen vom geologischen Dienst der USA. Dazu kamen noch neuere fernerkundliche Untersuchungen, die jedoch für eine Bewertung einer Lagerstätte nicht aussagekräftig sind. „Dass diese Region reich an Rohstoffen ist, ist seit langem bekannt", so wird Ratschbacher zitiert. Denn die geologischen Einheiten Afghanistans seien auch in den Ländern Tadschikistan, im Nordteil Pakistans und im Westen Chinas anzutreffen. Diese Gebiete kenne man bereits viel besser als Afghanistan.
Zurzeit läuft ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt, in dem Wissenschaftler der Universitäten Freiberg, Jena und des GeoForschungsZentrums Potsdam geologisch-geophysikalisch- geomorphologische Untersuchungen zur Entstehung des Pamir-Tibet Plateaus durchführen. In diesen Wochen ist aber auch eine zweite Freiberger Gruppe im afghanisch-tadschikischen Becken unterwegs. Diese Forschung wird von der französischen Ölfirma TOTAL finanziert und zielt auf eine Analyse möglicher Erdgasvorkommen.
Obwohl die Bereiche Tadschikistans, Pakistans und Chinas ähnliche geologische Einheiten wie Afghanistan aufweisen, wird dort Zurzeit kein aktiver Bergbau betrieben. Aktive Gold- und Kupferminen finden sich nur weiter nördlich im Tien Shan, denn reiche Lagerstätten sind nach Ansicht der Industrie nur ein Aspekt, die wirtschaftliche Verwertbarkeit und die politische Situation sind ein andere.
Trotzdem mus man das Ganze unter Beobachtung halten. Intern bezeichnet das Pentagon Afghanistan bereits als das "Saudi-Arabien" des Lithium. Für riesige Kupfervorkommen sicherte China sich bereits die Rechte - wie man sagt per Überweisung aufs Privatkonto des Bergbauministers. "Das gibt atemberaubende Möglichkeiten", schwärmte kürzlich noch der Kommandeur des US-Central Command, General David H. Petraeus, mittlerweils Nachfolger von Mc Chrystal "Es gibt zwar noch eine Menge an Wenn und Aber, doch ich denke, dass die Funde sehr bedeutend sind." Ein Sprecher von Präsident Hamid Karsai erklärte Anfang der Woche: "Das ist eine der besten Nachrichten, die wir in den vergangenen Jahren bekommen haben." Er ergänzte: "Wir hoffen, dass die Einnahmen aus den Vorkommen Afghanistan autark machen kann." Was also ist das größere Hindernis, die Infrastruktur, die Rentabilität oder die sichreheitspolitische Situation?
Wenn sie lohnend sind, sind die Funde erst einmal für die Regierungen des Westens wichtig, die angesichts steigender Verluste unter den 130.000 in Afghanistan stationierten Soldaten und nur wenigen vorzeigbaren Erfolgen unter wachsendem Rechtfertigungsdruck stehen. Die Argumente "Krieg gegen den Terror", " Sicherheit des Westens", die am Hindukusch verteidigt werde, überzeugen kaum noch. Während Obama und Merkel über denAbzugnachdenken, könnten die Rohstofffunde andere Begehrlichkeiten wecken.
Wie auf dieser Seite schon berichtet, ist es vor allem das Lithium, das begeistert. Der Stoff, aus dem etwa die kleinen Batterien für Mobiltelefone hergestellt werden. Bislang ist Bolivien Weltmarktführer. Doch just unter der menschenfeindlichen Wüstenlandschaft der afghanischen Provinz Ghazni soll sich unter einigen Salzseen ein Schatz verstecken, der bis zu einer Billion US-Dollar wert ist. Aber es gibt ja auch noch Gold in bislang unbekanntem Ausmaß. Außerdem Niobium, eine weiches, für Supraleiter benötigtes Metall. Der Wert der Vorkommen, so sie denn einmal ausgebeutet werden, ist schwer zu schätzen, könnte aber eben zu einem Umdenken führen.
Die Veröffentlichung der Rohstofffunde fällt eben in eine brisante Zeit. Angesichts des absehbaren Abzugs der Nato könnten Regionalmächte und Staaten mit strategischen Interessen, versuchen sich am Hindukusch neu zu positionieren. Die aufstrebende Wirtschaftsmacht Indien wird ebenso hungrig auf die Bodenschätze schauen wie China. Auch Pakistan, das von einer Wirtschaftskrise zur nächsten dümpelt, dürfte Interesse zeigen – wie der Nachbar Iran, der misstrauisch die wachsende Zahl von US-Militärstützpunkten und Soldaten vor seiner Haustür beobachtet und wie Islamabad zunehmend am Hindukusch mitmischt.
Angesichts dieser Gesamtlage stellte in diesen Tagen Klaus Naumann in einem Beitrag die Frage: Hatte Horst Köhler Recht?, bezogen auf dessen Äußerungen, die schließlich zu seinem genervten Rückzug führten. Kommt nach dem Slogan "Kein Blut für Öl", der den Irakkrieg der neunziger Jahre begleitet hatte, nun eine Neuauflage in zeitgemäßer Gestalt - "Kein Blut für Lithium"? Hatte der gerade erst zurückgetretene Bundespräsident Köhler doch Recht, als er auf dem Rückflug von seinem Afghanistanbesuch davon sprach, dass für eine Außenwirtschaftsnation "im Zweifel auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, so Naumann weiter (Klaus Naumann arbeitet als Zeithistoriker im Hamburger Institut für Sozialforschung).
Denn mehr als zuvor besteht die Gefahr, dass das Land zum Spielball im "Great Game" der Regional- und Globalmächte wird. Erbitterte Kämpfe um den Ressourcenzugang könnten ausbrechen. Die Bergung von Bodenschätzen, die Vergabe von Schürfrechten, der damit einhergehende Ausbau der Infrastrukturen, alles das ist dazu angetan, das bestehende Korruptionsregime zu neuen Auswüchsen zu treiben. Spannungen zwischen internen Akteursgruppen, zwischen Zentrale und Provinzen, zwischen den auswärtigen Konkurrenten werden nicht ausbleiben. Es steht in den Sternen, ob ein ressourcenreiches Afghanistan einmal Saudi-Arabien ähneln wird oder dem verwüsteten Nigeria und dem krisengeschüttelten Kongo.
Das betrifft auch Afghanistan. Das internationale Projekt, einen Beitrag zur Stabilisierung und Konsolidierung afghanischer Staatlichkeit zu leisten, Aufstandsbewegungen zu bekämpfen und Wege zu einem innerafghanischen Ausgleich zwischen den Konfliktparteien zu ebnen, ist alles andere als inaktuell. Man kann dieses Argument aber auch umkehren. Sollten sich Wirtschaftsinteressen an das afghanische Engagement heften, was wäre daran so verwerflich, wenn und sofern sie - und das ist der Punkt, da Politik beginnt - diesem Engagement zu Ernsthaftigkeit, Nachhaltigkeit und Perspektive verhelfen.
"Noch wartet man auf offene Worte, die uns etwa daran erinnern, dass an die 40 Prozent der deutschen Energiezufuhren durch die Straße von Hormoz verschifft werden. Die deutsche Politik hat natürlich ein Interesse daran, gleich welcher Konzern an diesen Mineralien verdienen mag, dass diese Zufuhr, sprich: der freie Welthandel, ungehindert erfolgt," schreibt der Wissenschaftler in seinem Beitrag.
mehr zu dem Thema "Rohstoffe"










Jetzt kommentieren: