Für die ISAF-Truppen der Bundeswehr war der Karfreitag 2010 ein schwarzer Tag. Drei deutsche Fallschirmjäger fielen in einem Gefecht, das seinen Ursprung in einem gelegten Hinterhalt der TALIBAN hatte. Dank der guten Ausbildung der Soldaten und einer guten Führung im Gefecht konnten weitere Verluste verhindert werden. Weitere Faktoren waren der Einsatz von zwei amerikanischen Rettungshubschraubern die verletzte deutsche Soldaten aus der Gefechtszone, unter schwerem Beschuss der TALIBAN, bargen und ins Lazarett flogen. Erst nach dem Gefecht und dessen Analyse stand für die Truppenführung der Bundeswehr fest, wie ernst die Situation wirklich für die Soldaten war. Die TALIBAN nutzen bei ihrem Angriff alle klassischen Möglichkeiten eines Hinterhalts aus, um erfolgreich zu sein. Die Durchführung ist als sehr professionell anzusehen und der Angriff hatte auch eine Wirkung in Berlin. Die Führung reagierte nach dem bekannt werden mit einer Materialaufstockung für das im Einsatz befindliche Kontingent. Alles in einer Geschwindigkeit, die in der achtjährigen Einsatzgeschichte der ISAF-Truppe einmalig ist. Zugeführt werden nun:
- 25 Marder 1A5 Schützenpanzer
- zwei Panzerhaubitzen 2000 (es könnte eine Dritte nachfolgen)
- WIESEL 1 mit TOW 2 B (Anzahl ?)
- Gewehre vom Typ G3, mit Zeiss Zieloptiken modifiziert (Anzahl ?)
Sicher ist, dass am Karfreitag die ISAF-Soldaten der Bundeswehr in einem der schwersten Gefechte seit Beginn der Mission standen. Das Gefecht zeigte auf wo die Ausrüstungsdefizite der Truppe liegen:
- Kampfhubschrauber: Der Bundeswehr fehlen Kampfhubschrauber mit entsprechender Bewaffnung. Zwar befindet sich der Kampf- und Unterstützungshubschrauber TIGER bei den Heeresfliegern im Einsatz, aber dass aus deutsch-französischer Produktion stammende Modell hat technische Defizite, deren Beseitigung sich noch länger hinziehen wird. Darüber hinaus ist die deutsche Version des TIGER nicht mit einer Bordkanone ausgerüstet um Ziele in einer Entfernung von 1.000 bis 2.000 Metern zu bekämpfen. Die Heeresflieger lehnten schon vor Jahren ab, eine kleine Anzahl TIGER mit einer 30 mm Bordkanone zu beschaffen. Die französische TIGER-Variante verfügt über eine Bordkanone und ist seit 2009 im Einsatz bei der ISAF-Truppe. Darüber hinaus verfügt der deutsche TIGER aktuell über keine Lenkwaffenbewaffnung, da die PARS 3 (Panzerabwehrraketensystem der 3.Generation) noch nicht serienreif ist.
- Artilleristische Unterstützung: Ein weiteres Defizit bei der Truppe war das nicht vorhanden sein einer wirksamen artilleristischen Feuerkomponente, die zielgenau Angriffspositionen der TALIBAN hätte unter Feuer nehmen können.
- Munition: Ein weiteres und seit Jahren bekanntes Defizit ist die Tatsache, dass das Patronenkaliber 5.56 mm x 45 mm nicht in der Lage ist eine entsprechende wundballistische Wirkung bei getroffenen Gegnern zu erzeugen, deren Gewicht deutlich geringer als das von Mitteleuropäern ist. Die Standardmunition ist auch nicht in der Lage, die 80 cm bis 100 cm starken Wände der afghanischen Häuser zu durchschlagen, um darin befindlichen und verschanzten Gegner zu bekämpfen. Darüber hinaus ist die mit dem G36 Sturmgewehr verschossene Munition in der Kampfreichweite aufgrund des niedrigen Kalibers auch nicht auf Entfernungen von über 500 Metern kampfstark genug. Das von den TALIBAN verwendete AK47 oder das jüngere AK74 (Awtomat Kalaschnikowa) verfügt über das Kaliber von 7,62 mm x 39 mm. Damit kann es weiter schießen und verfügt über eine höhere Durchschlagskraft als das deutsche G36. Auch schwere Maschinengewehre des Kalibers .50 (12,7 mm), deren Munition eine Durchschlagskraft für bis zu 20 mm Panzerstahl aufweist, sind nicht in der Lage hinter Gebäudestrukturen entsprechend zu wirken.
- Waffenstationen: Nachdem mit dem Maschinengewehr MG3 von den Transportfahrzeugen DINGO eine Bekämpfung erfolgte war es nicht möglich nachzuladen. Für ein Nachladen der Waffenstationen auf denen das MG montiert ist, hätten die Soldaten den Panzerschutz verlassen müssen.
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Andere Wirkmittel: Fallschirmjäger setzten den Panzerabwehrlenkflugkörper MILAN ein. Allerdings ist die Wirkung eines Hohlladungsgefechtskopfes, der zum durchschlagen von Panzerungen optimiert ist, auf bauliche Strukturen, wie diese in Afghanistan vorkommen, ungeeignet.
Auch die Bunkerfaust war nicht in der Lage, hinter starken Befestigungen mit ihrem Gefechtskopf ausreichend zu wirken. Befindet sich ein feindlicher Schütze hinter einer Deckung und dort noch in einem Schützenloch, so geht die Nachschussladung über den Gegner hinweg und explodiert im Raum, aber hinter ihm. Die Nachschussladung der Bunkerfaust verfügt über ca. 900 Splitter und hat eine Detonationswirkung die mit Handgranaten vergleichbar ist. Die Waffe hat in Afghanistan gegen nicht befestigte Ziele sehr gute Erfolge errungen. Allerdings ist die Wirkung des Gefechtskopfes gegen stark befestigte Ziele eingeschränkt.
Die Panzerfaust 3, die zu den stärksten Panzerabwehrhandwaffen der Welt zählt und gegen Ziele mit einem eingeschobenen Spike wirken kann, wurde ebenfalls während des Gefechts verschossen. Selbst dieser 110 mm Gefechtskopf war nicht in der Lage, die notwendige Wirkung hinter einer Deckung zu generieren. Auch hier ging vermutlich die Detonationswirkung über die eingegrabenen Talibankämpfer hinweg. Nötig wäre aber eine Munition gewesen, die deckungsbrechend ist und hinter der Deckung entsprechend wirkt. Über eine sogenannte Antistrukturmunition, wie beispielsweise bei den britischen ISAF-Kräften verwendet, verfügt die Bundeswehr derzeit nicht.
Die 40 mm Granatmaschinenwaffe, die auf FENNEK, FUCHS A8 und DINGO mitgeführt werden kann, wirkt auch nicht hinter Deckungen. Die Munition der Granatmaschinenwaffe ist hierfür nicht leistungsstark genug.
Der amerikanische Panzerabwehrlenkflugkörper TOW 2 B (auf Wiesel 1) ist nicht in der Lage, deckungsbrechend Ziele zu bekämpfen. Der Flugkörper ist ebenfalls für die Bekämpfung von Panzerfahrzeugen optimiert.Es zeigt sich zunehmend, dass bestehenden Fähigkeitslücken der Bundeswehr, nicht zeitnah und schnell geschlossen werden können. Schuld daran ist eine zu große Wehrverwaltung und ein zu unflexibeler Beschaffungsgang für Wehrmaterial. Auch im Rahmen der einsatzbedingten Sofortbeschaffung können nicht alle bestehenden Fähigkeitslücken geschlossen werden. Ein Umstand, der nach neun Jahren ISAF-Einsatz eigentlich nicht tragbar ist. Man darf gespannt sein, wann hier die entsprechenden Weichenstellungen erfolgen, um eine Lösung zu erwirken.
(von Johannes Gross)









