Die Türkei, die sich lange Jahre Europa zugewandt hatte und mit Hoffnungen gespeist wurde, irgendwann einmal der Europäischen Union beitreten zu können, wendet sich spätestens seit der israelischen Aktion gegen die Gaza-Flotille immer mehr nach Osten. Zugegeben, Ministerpräsident Erdogan hat es nicht leicht. Einerseits ist er vom Westen enttäuscht, andererseits wird er in der muslimischen Welt zum Teil frenetisch gefeiert. Dabei waren die türkisch-israelischen Beziehungen jahrelang sehr gut. Die Türkei hatte als erstes muslimischers Land den gerade erst gegründeten israelischen Staat anerkannt, umgekehrt hielten sich die Israelis mit Äußerungen über den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg zurück, was ihnen viel Kritik einbrachte. Die Zusammenarbeit, gerade auch im Sicherheitssektor, hatte funktioniert.
Man mag spekulieren, ob die zögernde EU die Türkei nun in eine eher antiwestliche Position gedrängt hat. Fest steht, dass die türkische Politik den derzeitigen Spannungen nicht gerade entgegen wirkt. So wurden gemeinsame Militärmaneuver abgesagt, der Botschafter in Tel-Aviv wurde abberufen, die Türkei stimmte im UN-Sicherheitsrat gegen die kürzlich beschlossenen Sanktionen gegen den Iran und Erdogan soll angekündigt haben, auf dem nächsten Hilfskonvoi selbst mit zu fahren, entsprechend begleitet von türkischen Kriegsschiffen. Selbst der Angriff kurdischer Kämpfer, bei dem zwölf türkische Soldaten fielen, wurde dem israelischen Geheimdienst zur Last gelegt.
Dennoch kann man davon ausgehen, dass die Türkei es nicht zu einer Eskalation kommen lassen wird. Es sprechen einige Punkte dafür, dass der türkische Premier es bei verbalen Entgleisungen belassen wird und die Außenpolitik lediglich nutzt, um innenpolitisch zu punkten. So stehen im nächsten Jahr Wahlen an. Zudem benötigt die Türkei bei den Israelis bestellte Drohnen im Kampf gegen die kurdischen PKK-Kämpfer, die im Grenzgebiet Türkei-Irak-Iran operieren. Auch die jüngste Bestellung von neun A129 Mangusta-Kampfhubschraubern des italienisch-britischen Herstellers AugustaWestland zeugt davon, dass sich das NATO-Mitglied Türkei an seine Mittlerrolle erinnert, die es zur Regionalmacht hat aufsteigen lassen. Da muss vermutet werden, dass die geheimdienstliche Zusammenarbeit mit dem Iran nur mittelfristig dem Kampf gegen die kurdische Unabhängigkeitsbewegung dient. Letztlich wird die Glaubwürdigkeit der Türkei im Westen an ihrem weiteren Verhalten bemessen werden. Diese zu behalten beziehungsweise wieder herzustellen, daran kann Erdogan eigentlich nur gelegen sein, wenn sein Land den bisherigen Status und die Einbindung in die internationale Gemeinschaft erhalten will.
Bildrechte: Foto von Flickr-User Tolga "Musato" (nach Creatice Common License)










LESEHINWEIS:
Turkey’s Gain Is Iran’s Loss
June 18, 2010 ... Hamas publicly rejected Iran’s escort proposal, and a new poll by the Palestinian Center for Policy and Survey Research found that 43 percent of Palestinians ranked Turkey as their No. 1 foreign supporter, as opposed to just 6 percent for Iran … You can get a sense of just how attractive Turkey’s leadership is among the Arab masses by reading the flood of recent negative articles about Ankara in the government-owned newspapers of the Arab states … With Turkey capturing the hearts, minds and wallets of Arabs, Iran will increasingly find it harder to carry out its agenda of destabilizing the region and the globe. For Americans, it may be hard to see the blessings in a rift with a longtime ally. But even if Turkey’s interests no longer fully align with ours, there is much to be gained from a Westernized, prosperous and democratic nation becoming the standard-bearer of the Islamic world …
http://www.nytimes.com/2010/06/19/opinion/19haykel.html?emc=eta1
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