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Russland bietet zusätzliche Lieferungen von Flüssigerdgas an

-Von Stefan Nitschke- Infolge des Sendai-Erdbebens am vergangenen Freitag, das zu einem schweren Atomunfall im Bereich des Kernkraftwerks Fukushima I sowie zur Schnellabschaltung von elf Kernkraftwerken entlang der Ostküste Japans führte, warnt die japanische Regierung vor einem Energie-Engpass großen Ausmaßes. Zehn der betroffenen Anlagen gehören zu den von der Tokyo Electric Powers (TEPCO) betriebenen Atomanlagen Fukushima-I und Fukushima-II. Am Nachmittag des 12. März 2011 hatte sich im Bereich der Anlage Fukushima-I eine Wasserstoff-Explosion ereignet, die das Gebäude rund um den Reaktorblock I zerstörte. Die japanische Regierung wollte nicht ausschließen, dass es zu einer Kernschmelze in dem Reaktorblock kommen könnte. Zuvor waren durch infolge des bislang schwersten Erdbebens in Japan mit einer inzwischen auf 9,0 korrigierten Stärke die Kühlsysteme im Reaktorblock I und zudem im Reaktorblock III ausgefallen. Im Gegensatz zu den in Deutschland hauptsächlich betriebenen Druckwasserreaktoren umfasst der Anlagenkomplex Fukushima Siedewasserreaktoren, die seit einiger Zeit auch Mischoxid-Brennstäbe nutzen und mit Meereswasser gekühlt werden. Bei einem Druckwasserreaktor steht das Wasser des Primärkreislaufes, das als Kühlmittel verwendet wird, unter erhöhtem Druck. Nach der Schnellabschaltung aller vier Blöcke der Anlage wurde festgestellt, dass sich das Kühlwasser in den Blöcken 1, 2 und 4 nach über einer Stunde regulären Kühlbetriebes mit Kondenswasser auf über 100°C erhitzte, so dass die Druckrückhaltefunktion nicht mehr gewährleistet ist. Befürchtet wird, das der Block 1 ein Leck im Kreislauf hat. Nach Behördenangaben hat sich im Reaktor selbst keine Explosion ereignet. Der Kabinettssekretär Yukio Edano gab bekannt, dass der Reaktordruckbehälter unbeschädigt geblieben sei. Die Explosion geht seinen Angaben zufolge auf Wasserstoff zurück, der aus dem Stahlcontainment in das umgebende Gebäude ausgetreten ist. Derzeit werden bis zu 400-fach erhöhte Strahlungswerte (besonders von Jod-131, Cäsium-137, Strontium-90 und Chrom-51) in einer benachbarten Region gemessen.

Seit dem schweren Erdbeben am vergangenen Freitag haben sich 175 Nachbeben ereignet. Im Großraum Tokio, der etwa 400 Kilometer entfernt ist vom Epizentrum des Erdbebens, rechnen Seismologen in den kommenden Tagen oder Wochen mit einem weiteren Erdbeben mit einer Stärke von bis zu 7. Die Ursache für das Sendai-Erdbeben und vieler früherer Ereignisse sind Bewegungen der tektonischen Platten in der Lithosphäre, die in der Umgebung von Japan aufeinandertreffen. Hierbei kommt dem so genannten Japan-Graben eine überragende Bedeutung zu. Dieser repräsentiert eine Subduktionszone, die infolge von gegeneinander gerichteten Plattenbewegungen als außerordentlich erdbebengefährdet gilt. Am Beispiel des Japan-Grabens verhaken sich beim Abtauchen die beteiligten Platten und bauen erhebliche Spannungen im Gestein auf. Diese bis zu 8.410 Meter tiefe und 800 Kilometer lange Tiefseerinne bildet den Nordteil der tief eingeschnittenen Nahtstelle von Philippinischer Platte im Westen und Pazifikplatte im Osten. Ruckartige Bewegungen der ozeanischen Kruste in diesem Bereich führen zu Erdbeben und untermeerischen Beben mit der Bildung von Tsunamis. Hierbei tauchen Plattenränder mit ozeanischer Kruste in den Mantel ab, wo sie umgewandelt und zum Teil aufgeschmolzen werden. Lokal kann es vorkommen, dass bei diesen Vorgängen große Areale auf die Kontinente aufgeschoben und dabei Teile der ozeanischen Kruste an der Kontinentalkante abgeschert und ebenfalls obduziert werden. Die Ereignisse in Verbindung mit dem schweren Sendai-Erdbeben könnten nach Meinung von Geologen dazu geführt haben, dass sich der japanische Inselgürtel insgesamt um bis zu 200 Meter verschoben hat.

 

In Fukushima-Daiichi (Fukushima-I) befinden sich sechs Kraftwerksblöcke mit Siedewasserreaktoren, in Fukushima-Daini (Fukushima-II) vier Siedewasserreaktoren. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat den Vorfall in Fukushima-Daichi als "Unfall mit lokaler Auswirkung" eingestuft, was der Stufe 4 auf der von 0 bis 7 reichenden internationalen Störfallbewertungsskala Ines entspricht.

Auch die Wiederaufarbeitungsanlage Rokkasho an der Nordspitze der japanischen Hauptinsel Honshu wird mit Strom aus Notstromaggregaten versorgt. Die in der Nähe gelegene Atomenergieanlage Higashidori (ein Siedewasserreaktor) befindet sich im Revisionsstillstand. Das starke Nachbeben in der Präfektur Nagano am 12. März 2011 (03:58 MEZ) hat nicht zur automatischen Abschaltung der Anlage Kashiwazaki Kariwa (sieben Siedewasserreaktoren) geführt. Die Reaktoreinheiten 1, 5, 6, 7 arbeiten normal, 2 und 4 sind aufgrund regulärer Inspektionen außer Betrieb. 

Infolge der Schnellabschaltung von elf Kernkraftanlagen werde nach Regierungsangaben nunmehr mit Einschnitten in der Energieversorgung des Landes gerechnet. Diese Situation könnte über viele Wochen andauern. Dies führte dazu, dass die japanische Regierung Russland gebeten habe, zusätzliche Lieferungen von Flüssigerdgas (Liquified Natural Gas oder kurz LNG) nach Japan zu veranlassen. Japan gilt weltweit als der größte Importeur von Flüssigerdgas (Vorschaubild: LNG-Terminal in Shimizu). Der russische Ministerpräsident Wladmir Putin hat Japan inzwischen Unterstützung zugesichert. Demnach sollen nach einer Vereinbarung mit dem staatlichen russischen Energiekonzern GAZPROM zwei LNG-Tankschiffe mit einer Kapazität von jeweils 100.000 Tonnen nach Japan umgeleitet werden. Von der russischen Halbinsel Sachalin sei ein LNG-Tankschiff bereits auf dem Weg nach Japan.

LNG bietet große Vorteile besonders beim Transport und bei der Lagerung. Im Jahr 2004 erfolgten etwa 26,1 Prozent der weltweiten Erdgas-Transporte in Form von Flüssigerdgas, 2009 waren es bereits 27,7 Prozent. Besondere Bedeutung hat diese Form des Transportes aufgrund der geografischen Lage und den damit verbundenen weiten Transportwegen sowie hohen Kosten für Offshore-Pipelines für Länder im Fernen Osten, etwa Japan. Zusammen mit Südkorea und Taiwan gehen heute bereits über 80 Prozent der globalen LNG-Exporte in diese asiatischen Industrienationen, wobei Japan etwa die Hälfte davon bezieht.

Die international angesehene Russische Agentur für internationale Informationen RIA Novosti berichtete am 12. März 2011, dass der russische Regierungschef Wladimir Putin die zuständigen Behörden angewiesen habe, mehr LNG von der Insel Sachalin nach Japan zu liefern. Putin betonte, dass "Japan unser Freund und Nachbar ist. Ungeachtet vorhandener Probleme müssen wir zuverlässige Partner bleiben und alles tun, um Energieausfälle im benachbarten Land zu überbrücken." Putin sicherte der japanischen Regierung beliebige russische Hilfe in vollem Umfang zu. Die LNG-Lieferungen, die auf 150.000 Tonnen erhöht werden können, würden durch zusätzliche Lieferungen von Steinkohle ergänzt. Zudem könnte ein Untersee-Stromkabel genutzt werden, um Japan im Notfall mit Elektrizität zu versorgen.

Bereits vor zwei Jahren wurde das erste LNG aus russischer Produktion an Japan geliefert. Das im Jahr 1994 gegründete Unternehmen Sakhalin Energy Investment Co. (SEIC), ein Gemeinschaftsunternehmen von GAZPROM, Royal Dutch Shell, Mitsui und Mitsubishi, will in den kommenden Jahren mehr als 20 Mrd. US-Dollar investieren, um große Erdgas- und Erdöllagerstätten auf der Halbinsel Sachalin zu erschließen und geförderten Produkte über Pipelines nach Japan zu transportieren. Vier Jahre nach der Gründung des Joint Ventures wurde damit begonnen, im Rahmen der ersten Phase des Sachalin 2-Projektes Vorkommen mit einem Investionsaufwand von 116 Mio. US-Dollar zu erschließen. Vor kurzem kamen Japan und Russland zudem überein, gemeinsam eine Anlage zur Herstellung von LNG in Wladiwostok zu errichten. Die Anlage soll im Jahr 2017 den Betrieb aufnehmen und über eine Kapazität von rund 5 Mio. Tonnen LNG jährlich verfügen. Vertragspartner sind GAZPROM und das japanische Ministerium für Wirtschaft und Industrie, welches mit dem Handelshaus Itochu zusammenarbeitet.

Zwei durch das Gemeinschaftsunternehmen SEIC betriebene Gasförderplattformen haben vor der Nordostküste der Halbinsel Sachalin inzwischen den Förderbetrieb aufgenommen. Zwei weitere Gasförderplattformen sind im Bereich des Sachalin 2-Feldes geplant. Die erste russische Offshore-Ölplattform produziert dort bereits seit zehn Jahren. Die Ressourcen werden auf 4 Mrd. Barrel Öläquivalent geschätzt.

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