Am 5. Dezember 2009 sagte Hillary Clinton: "Das afghanische Volk will keine Rückkehr der Talibans sehen. Es ist völlig auszuschließen, dass die Afghanen ein solches Ansinnen unterstützen würden". Dieser Satz stellt in gewisser Weisendas Mantra der amerikanischen Regierung und der NATO während der letzten zehn Jahre dar und ist der Grundstein der Kriegsstrategie. Beide gehen von der Prämisse aus, dass die afghanische Bevölkerung sich an die Schrecken des Taliban-Regimes erinnert und diese auf keinen Fall wieder in der Führungsrolle sehen wollen und daher eine Tendenz zu den Westmächten haben.
Prämisse falsch
Diese Prämisse wurde von afghanischen Kollegen hinterfragt und sie kamen zu dem Ergebnis, dass sie auf Fehlannahmen beruht. Wie man dem CIA Faktenbuch über Afghanistan entnehmen kann, ist das Durchschnittsalter eines afghanischen Mannes 17,9 Jahre. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Durchschnitts-Afghane die Taliban in einem Alter von unter neun Jahren erlebte. Denkt man an mögliche erste Truppenabzüge in 2011 verschiebt sich dieses Alter auf unter acht Jahre. Jedes Jahr verdrängt also die Erinnerungen an die Talibans in erheblicher Weise, weil die sich Erinnernden einfach zu jung waren. Woran sie sich erinnern, sind die Umstände unter denen sie aufwuchsen. Lebensmittelknappheit, steigende Kriminalität, nächtliche Überfälle in den eigenen Häusern, das Verschwinden von Verwandten, der Ausbau des berüchtigten Pul-e-Charki Gefängnis, die Rückkehr der warlords und die ständige Gegenwart von Korruption bei Gerichten, Polizei und Lokalverwaltungen. So trägt die gegenwart dazu bei, die blassen Erinnerungen an die Vergangeheit zu verherrlichen. Hinzu kommt, dass die Taliban moderner geworden sind. Sie sind keine Monolithen mehr, sondern nutzen Propagandamittel, sind schnell in losen Verbänden verknüpft und unterhalten längst Schattenregierungen in den meisten Provinzen.
Die neuen Talibans
Um diese neuen Talibans zu bekämpfen müsste sich nach Ansicht der afghanischen Kollegen die Strategie des Westens verändern, hin zu einer Konzentration auf die Jugend. Die Realität ist, dass einen Kampf um die Herzen der afghanischen Kinder und JUgendlichen geben muss. Davon sind auch deutsche Soldaten betroffen. Die deutschen Soldaten in Afghanistan werden von der Bevölkerung zunehmend als Besatzer angesehen. "Die Stimmung dort geht in diese Richtung", bestätigt Nadia Fasel von der Afghanistan-Redaktion der Deutschen Welle (DW) in Bonn. Informationen über die Aufbauhilfen erreiche das Gros der afghanischen Bevölkerung kaum oder gar nicht. Das Positive, Konstruktive verpuffe zur Bedeutungslosigkeit, stattdessen würde die Propaganda der Taliban dieses Vakuum immer erfolgreicher füllen. Der deutsche Auslandsrundfunk sendet täglich drei Stunden Hörfunkprogramm in den Landessprachen Dari und Paschtu.
Propaganda
Westliche Regierungen und Sender, auch die Deutsche Welle, haben Aufbauhilfe geleistet. Aber Journalisten werden in Afghanistan immer noch häufig bedroht und unter Druck gesetzt. Die Taliban haben eigene Sender, doch eine Gefahr für die Meinungsfreiheit ginge nicht nur von ihnen aus, sondern auch von Politikern, Sicherheitsbeamten und kriminellen Gruppen, kritisierte jüngst die Organisation "Reporter ohne Grenzen". In den Medien seien vor den Präsidentschaftswahlen ausgewählte Kandidaten bevorzugt worden.
Die Deutsche Welle wahrt ihre Unabhängigkeit dadurch, dass sie die in Bonn produzierten Programme von einem eigenen Sender in Kabul ausstrahlt. Die halbstündigen Sendungen sind eine Mischung aus Nachrichten, aktuellen Berichten und einem Magazin mit wechselnden Schwerpunkten (unter anderem: Europa, Jugend, Frauen, Menschenrechte). Wichtig sei es, keinen Volksstamm zu beleidigen oder zu privilegieren, erklärt DW Afghanistan Chef Said Musa Samimy. Und: „Wir müssen verdammt aufpassen, dass wir dem Terrorismus nicht zu viel Raum geben.“ Zehn bis 14 Prozent der Hörer würden die DW-Programme mindestens ein Mal in der Woche einschalten. Gewiss keine schlechte Zahl, allerdings sendet etwa die BBC in der Region ein mehrsprachiges 24-Stunden-Programm.










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