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In Memoriam 9/11

Ein Tag, den man nicht vergessen wird

Von Ralf R. Zielonka - Es gibt Ereignisse, die kann man nicht vergessen. Man kann sie nicht einmal verdrängen. Können Sie sich noch erinnern, wo Sie am 11. September 2001 zwischen 13:46 und 15:28 Uhr – entsprechend 08:46 und 10:28 New Yorker Zeit – gewesen sind und was Sie um diese Zeit genau gemacht haben? Wenn es kein besonderer Tag ist, kann ich mich für gewöhnlich nicht einmal daran erinnern, was ich vor einem Monat in der Zeit zwischen 12:00 und 15:00 Uhr genau gemacht habe – vermutlich zu Mittag gegessen und an irgendeiner Sache gearbeitet.

 

Aber dieser Tag, der 11. September 2001, das war ein besonderer Tag, den ich nie vergessen werde. Ich saß zu dem Zeitpunkt vor mehreren Computermonitoren, wo in Realtime diverse internationale Finanzdaten zusammenliefen, die in Sekundentakt einströmten und in bizarren Linien, Mustern und Strukturen sowie in blinkenden roten, gelben oder grünen Feldern automatisiert verdichtet wurden, um analysiert zu werden. Über den Computermonitoren drei Fernsehgeräte mit Nachrichtenkanälen, abgeschaltetem Ton, jedoch mit Untertiteln. Ich glaube mich zu erinnern: Es waren die Sender CNN, CNBC und N-TV.

Bis zu diesem Zeitpunkt war es eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag. Die Konzentration auf die Computermonitore gerichtet, zwischendurch mal einen Schluck Kaffee, Stunde für Stunde. Irgendwann hebe ich wieder einmal den Blick zu den Fernsehgeräten über mir, ob vielleicht irgendetwas Wichtiges in den Nachrichtenkanälen erwähnt wird. Ich stutze: "Starke Rauchentwicklung – das ist doch das World Trade Center in New York", denke ich, "da scheint es zu brennen. Aber warum auf allen drei internationalen Nachrichtenkanälen nahezu die gleichen Bilder?" Ich werde neugierig, schalte den Ton eines der Nachrichtensender an, um mehr über den Hintergrund des Brandes zu erfahren. Aus den Worten des Nachrichtensprechers – oder war es eine Sprecherin – ist zu entnehmen, dass nach ersten Augenzeugenberichten ein Flugzeug in einen der Türme des World Trade Centers geflogen sein soll. Mir geht durch den Kopf: "Ein Flugzeug in das Word Trade Center geflogen? Das kann doch nicht sein!" Es ist der Flug American Airlines 11. Dies geschah um 08:46 Ortszeit.

Meine Aufmerksamkeit geht weg von den Computermonitoren auf die Berichterstattung im Fernsehen. Ich schalte synchron die Kanäle aller drei Fernsehgeräte nach oben und nach unten. Auch andere Stationen berichten über das Ereignis. "Hier stimmt irgendetwas nicht", denke ich. Ich rufe meine Frau an und sage ihr sie solle das Fernsehen anschalten – das World Trade Center in New York brennt.

Mittlerweile ist meine Aufmerksamkeit gänzlich auf die Berichterstattung im Fernsehen konzentriert. Nur gelegentlich werfe ich noch einen Blick auf die Computermonitore. Abwechselnd schalte ich den Ton der Fernsehgeräte zwischen englischer und deutscher Berichterstattung hin und her.

Dann ist von einem Nachrichtensprecher zu vernehmen – ich weiß nicht mehr auf welchem Nachrichtenkanal – ein weiteres Flugzeug sei im Anflug auf das World Trade Center. Ich mag es nicht glauben, was ich dann im Fernsehen sehe: Ein Flugzeug kommt ins Bild und fliegt in den Südtower des World Trade Center. Eine riesige gelb-rot-schwarze Flamme, wie sie für Gas-, Benzin-, oder Kerosinexplosionen üblich ist und somit von herkömmlichen zivilen oder militärischen Explosiv- und Sprengstoffen von jedem, der darüber Kenntnisse hat, unschwer unterschieden werden kann, umgibt den Tower. Es ist der Flug United Airlines 175. Lokale Uhrzeit: 09:03.

Ich bin erschüttert. Manchmal denkt man, einen kann nichts berühren – man hat einen Schutzschild aufgebaut oder andere Dinge haben einen abgehärtet. Mit leichtem Schimmern in den Augen und an die Tausende von Menschen denkend, die in den beiden Zwillingstürmen arbeiten und jetzt vom Feuer eingeschlossen bzw. unmittelbar bei den Einschlägen um ihr Leben gekommen sind, rufe ich meine Frau ein zweites mal an: "Es sind Anschläge – Terroranschläge", sage ich ihr. Sie ist ebenfalls fassungslos.

Die Nachrichten überschlagen sich: Das Pentagon sei ebenfalls von einem Flugzeug getroffen worden. Mir wird in dem Augenblick schlagartig bewusst: "Falls die Nachricht mit dem Pentagon auch zutreffend ist, dann wurden auch die Angriffe auf das World Trade Center zentral geplant und koordiniert. Und zwischen allen Flügen muss ein wie auch immer gearteter sächlicher Zusammenhang bestehen." Wie sich schnell herausstellt: Es ist der Flug American Airlines 77, der um 09:37 Ortszeit in das Pentagon einschlägt.

Es wird mir schnell klar: Allein schon die mathematische Wahrscheinlichkeitsbetrachtung, dass Ereignisse dieser Art, mit gleicher Methode, am gleichen Tag, sehr zeitnah – beinahe zeitgleich – im gleichen Land, nämlich in den USA geschehen, und dies ein „Zufall“ sein soll, ist allein schon aus Gründen der Wahrscheinlichkeitsrechnung mathematisch zu 100% unwahrscheinlich.

Nur wenige Minuten später nach dem Angriff auf das Pentagon werde ich in den Nachrichten etwas gewahr, was ebefalls völlig unwahrscheinlich klingt: Ein viertes Flugzeug ist entführt worden. Es ist der Flug United Airlines 93. Die Passagiere des Fluges wehren sich offenbar heftig. Die Maschine mit den Hijackern an Bord schlägt um circa 10:02 Ortzeit auf einem leeren Feld bei Shanksville, Pennsylvania auf. Mit die letzten Aufzeichnungen, die von dem Flug zu hören sind, stammen von einem der Hijacker: „Allah is the greatest. Allah is the gratest.“ Die vermutliche Absicht mit dem Flugzeug das Weisse Haus oder das Capitol anzugreifen ist damit von den mutigen Passagieren des Fluges United Airlines 93 vereitelt worden.

Das Unglaubliche war also geschehen: Ein Angriff mit gehijackten Flugzeugen auf die USA – also mit einer „lebendigen“ Waffe. Die Bilanz aus den Angriffen: Bis heute wird die Anzahl der Opfer auf circa 3000 Tote geschätzt, darunter die Passagiere der Flüge, die Personen, die in den angegriffenen Gebäuden arbeiteten oder bei den Anschlägen halfen – Zivilisten, Feuerwehrleute, Polizisten, Soldaten und sonstige Helfer. Noch heute gibt es ungefähr 10000 nicht identifizierte Knochenteile und Kleidungsstücke, die keinem der Toten zugeordnet werden können.

Sowohl für die USA als auch für nahezu alle anderen Staaten dieser Erde war dieser Tag, der 11. September 2001, ein Schock. Es war das Unvorstellbare. Dieser Tag hat die Welt verändert.

Es gab an dem Tag aber auch Terrorgruppen und Unterstützer von Terrorgruppen ganz speziell im Nahen Osten, die diesen feigen Anschlag bejubelt, beklatscht und gefeiert haben. Dies ist selbstverständlich filmisch dokumentiert und bleibt der Nachwelt erhalten.

Ich möchte all den professionellen Verschwörungstheoretikern, die diese Anschläge irgendwelchen Regierungskreisen innerhalb oder außerhalb der USA zuschreiben, gerne attestieren, dass diese mit ihren Büchern ein „gutes“ Geld verdient haben und auch noch verdienen – auf dem Rücken von ungefähr 3000 Toten, die durch feige, durchgeplante, terroristische Anschläge ihr Leben lassen mussten.

Hätten die Anschläge verhindert werden können? Es gibt aus sicherheitspolitischen Gesprächskreisen viele die der Ansicht sind, das dies möglich gewesen wäre. Es lagen frühzeitig Hinweise vor, die jedoch in der Behördenbürokratie und im Zuständigkeitsgerangel diverser beteiligter Sicherheitsbehörden untergegangen sind oder nicht ernst genommen wurden. Auch deutsche Sicherheitsbehörden haben versagt. Deutschland war ein Vorbereitungsland für den Anschlag am 11. September 2001. Einige der Terroristen mit islamistischem Hintergrund kamen aus Deutschland, hatten hier gelebt, studiert, gewohnt – zunächst völlig unauffällig unter tausenden von anderen Menschen, ein »Bürger wie Du und ich«, wie man in Deutschland so schön sagt.

Dass im Vorfeld des Anschlags durchaus in einigen Behördenbereichen im In- und Ausland auch hochgradige Defizite in der analytischen Kompetenz vorhanden waren, ist mittlerweile ebenfalls unbestritten. Und dass Deutschland wie auch einige andere Länder in Europa ein hochwertiges Rückzugsgebiet für »schlafende Terroristen«, also für »sleeper« ist, dürfte jedem, der sich mit dieser Problematik ernsthaft auseinandersetzt, längst bekannt sein. Europa als durchgängige Kontinentalplatte – sei es nach Afrika oder nach Asien – ist für eine unauffällige, geografische Expansion des Terrorismus ideal geeignet.

Terrorismus ist nicht neu und existiert seit hunderten von Jahren. Er hieß damals meist nur anders. Von vielen Menschen gerade in Europa oder Deutschland wurde der neuzeitliche Terrorismus allerdings nur am Rande wahrgenommen – man war ja für gewöhnlich nicht selbst betroffen. Die Rote Armee Fraktion sowie damit verbundene Bewegungen und Organisationen, die IRA in Irland, die ETA in Spanien oder die Roten Brigaden in Italien waren für viele entweder schon mehr oder weniger Geschichte. Von der Hamas fühlte man sich in Europa ebenfalls nicht betroffen, sondern sah dies als ein Problem des Mittleren Ostens an. Seit dem 11. September 2001 ist die Welt jedoch eine völlig andere geworden. Terroristische Anschläge in London und Barcelona folgten. Hunderte von Milliarden sind seither weltweit in Maßnahmen geflossen, um Terrorismus zu bekämpfen, zu unterbinden, zumindest jedoch einzudämmen. Dazu zählen nicht nur Maßnahmen wie die Aktivitäten, Kriegshandlungen und Operationen in bürgerkriegsähnlichem Umfeld wie in Afghanistan, Pakistan oder in Afrika, sondern auch der Aufbau von zusätzlichen Sicherheitsarchitekturen.

Ob diese Sicherheitsarchitekturen sich nun mit Terrorismus ganz allgemein, mit Counter-IED-Aufgaben, mit Aufgabenstellungen aus dem Bereich COIN (Counter-Insurgency), mit Finanzierungswegen oder anderen komplexen, auch juristischen Themen befassen und Schwerpunkte setzen oder sonstige »special operations« durchführen, macht die Gesamtproblematik zur Bekämpfung des Terrorismus deutlich. Terrorismus ist im Gegensatz zu einem konventionellen Krieg ein Mischung aus verdeckter Kriegsführung, Partisanenkrieg, Glaubenskrieg und Ideologienkrieg, wobei der bzw. die Angreifer – also der oder die Terroristen – im Gegensatz zu einem "konventionellen Krieg" weder eine Uniform tragen noch ein Schild an der Jacke haben: "Ich bin Terrorist." Ein Terrorist hält sich auch nicht an Regeln, die zwischen kriegsführenden Staaten, Gruppierungen oder ähnlichen Parteien gelten: Die Haager Landkriegsordnung.

Nach Recherchen der Washington Post befassen sich allein in den USA 1271 Regierungsorganisationen und 1931 private Einrichtungen mit der Terrorbekämpfung im In- und Ausland. Ungefähr 50.000 Geheimdienstberichte werden laut Regierungsquellen jährlich verfasst, können wegen der Masse an Berichten aber gar nicht gelesen werden. Ungefähr 850.000 Personen in den USA verfügen über die Einstufung "TOP SECRET", was in Deutschland vergleichbar der Geheimhaltungsstufe "STRENG GEHEIM" entspricht. Ein Verwaltungs- und Koordinierungsaufwand ohne Ende. Minütlich gehen abertausende von Nachrichten oder Informationen irgendwo ein, und müssen danach bewertet werden, ob diese in irgendeiner Form einen terroristischen Hintergrund haben oder eventuell haben könnten. Es ist oftmals wie die Suche der Nadel im Heuhaufen. Die Masse der Informationen ist erschlagend.

Terrorismus ist weltweit zu einer Ideologie geworden, eine Art »franchise on small wars«. Terrorismus bedarf keiner zentralen Steuerung, wie es Polizei, Militär, Geheimdienste, andere Behörden und Organisationen oder Firmen benötigen. Das Internet genügt in vielen Fällen. Terrornetzwerke können sich spontan bilden, mehrfach vernetzt sein, autarke Kleinstgruppen bilden oder auch wieder auseinandergehen. Es sind oftmals amorphe Gebilde, um ein Bild aus der Physik bzw. der Chemie zu bemühen.

Daher bedarf es um so mehr hochintelligenter, internationaler Ansätze unwichtige von wichtigen Informationen zu trennen, zu filtern, Informationen aus unterschiedlichen Quellen sehr zeitnah zusammenzuführen, Netzwerke oder ideologische Einzeltäter zu identifizieren und mit geeigneten Maßnehmen zu bekämpfen oder sogar erst die Entstehung zu unterbinden. Es geht nicht um die Kontrolle eines jeden einzelnen Bürgers, es geht auch nicht um den "transparenten Bürger", wie von vielen "Gutmenschen" ängstlich behauptet wird. Es geht ausschließlich um Gefahrenabwehr in verschiedenster Ausprägung, die bei Nicht-Umsetzung ein ganzes Wirtschaftssystem, ein ganzes Gesellschaftssystem lähmen, ja sogar zerstören kann. Dass diese »Gutmenschen« entweder keine oder blauäugige Lösungen zur Bekämpfung des Terrorismus haben macht sie dadurch auch nicht unbedingt glaubwürdiger.

Ist Terrorismus überhaupt erfolgreich bekämpfbar? Ja, ist er. Die Ausgangsbasis: Früherkennung durch intelligent vernetztes 24/7-Informationsmanagement in Realtime / Near-Realtime zugleich verbunden mit kontinierlichen länderspezifischen oder regionsspezifischen Kurz-, Mittel- und Langfristanalysen, die innerhalb von wenigen Sekunden eine spezifische, georeferenzierte Lageentwicklung auf Abruf auf den Bildschirm erkennen lässt und zudem für frei definierbare Lageentwicklungen und Umstände vordefinierte, automatisierte Alerts gibt. Niemand hat ständig Zeit immer seitenlange Berichte zu studieren, um dann daraus Entscheidungen abzuleiten. Diese können allenfalls als vertiefende Hintergrundinformation dienen. Und Berichte, die eh nicht gelesen werden, brauchen erst gar nicht verfasst werden.

Die gesamte Bandbreite an nationalen und internationalen Wirkungsmöglichkeiten bei der Terrorismusbekämpfung wurde zudem bisher lange noch nicht ausgeschöpft. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, sollen jedoch hier im Detail nicht näher betrachtet werden. Zum Teil liegen die Gründe bei der gerne genommenen »political correctness« einzelner Länder oder fehlendem Rückgrat einzelner Politiker bzw. Parteien, zum Teil liegen die Gründe in bürokratischen Ablauf- und Organisationsprozessen, Zuständigkeiten, mangelnder Koordination von Informationsflüssen sowie zum Teil an intellektueller Überforderung der an den Prozessen beteiligten Personen. Bei den Milliardenaufwendungen die die Terrorbekämpfung mittlerweile erfordert hat, wird es zudem weltweit erforderlich sein, Länder, Organisationen, Firmen und Einzelpersonen, die Terrorismus direkt oder indirekt unterstützen – und sei es nur durch Geldwäsche – deutlich intensiver »zur Kasse zu bitten« als bisher und zugleich in einem weltweiten, öffentlich einsehbaren Register im Internet anzuprangern – mit Bild, Name, ggf. Alias und Anschrift.

Der Kampf gegen den Terrorismus hat gerade erst angefangen. Er wird noch Jahre dauern. Kein Terrorist sollte sich auch nur irgendwo auf der Welt sicher fühlen können, weder in Europa und insbesondere nicht in Deutschland.

Trotz dieser Erkenntnis macht es die Terroropfer vom 11. September 2001 nicht wieder lebendig. Ihrer zu gedenken sowie alle gangbaren Wege und erforderlichenfalls robuste Mittel zur Bekämpfung des Terrorismus einzuschlagen – national wie international – ist eine mahnende Verpflichtung an die Lebenden.

Zum Autor: Ralf R. Zielonka, Jahrgang 1957, ist freiberuflicher Berater für Strategie, Projektmanagement, Organisation und Business Development. Nach dem Studium der Chemie war er viele Jahre unter anderem für IT-Firmen auch international tätig. Seine sicherheitspolitischen Schwerpunkte sind aktuelle Fragestellungen zu den Themen Verteidigung, Homeland Security, internationale Sicherheit, Geo-Strategien sowie Energie- und Rohstoffversorgung. Er ist Reserveoffizier der Deutschen Bundeswehr und ehrenamtlich stellvertretender Landesvorsitzender Nordrhein-Westfalen im Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. (VdRBw), dort verantwortlich für die Bereiche "Förderung Militärischer Fähigkeiten" (FMF) und "Mitgliederbetreuung".

Kontakt: http://bit.ly/Zielonka

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