Afghanistan hin oder her: In Zeiten steigender Rohstoffpreise gilt es für die meisten (entwickelten) Nationen, Rohstoffsicherheit und -vorsorge im In- und Ausland zu betreiben. Tatsache ist aus eigener jahrelanger Erfahrung, dass der U.S. Geological Survey (USGS) im Besonderen in vielen Drittstaaten Lagerstätten und Lagerstättendistrikte in regelmäßige Betrachtungen einbezieht. Afghanistan oder der Irak, die sich nicht erst seit gestern zu Krisengebieten entwickelten, sind hiervon kaum ausgeschlossen.
Nach Aussage von Fachkollegen der verschiedenen Ressorts im USGS HQ in Denver (Colorado), werden zurzeit besonders strategische Metallrohstoffe und solche von geringer Reichweite (wie in der Tat Niob/Tantal, Wolfram, Zinn, Molybdän und High-Tech-Metalle wie Germanium, Gallium, Indium, Rhenium und das angesprochene Lithium) in regelmäßige Neubewertungen und Bilanzierungen einbezogen. Hier werden nicht nur umfangreiche metallogenetische Untersuchungen aus früheren Jahren, sondern auch Neubewertungen im Rahmen der Kooperation mit Partnerorganisationen durchgeführt. So gibt es tatsächlich einen regelmäßigen Datenabgleich mit den Counterparts in Frankreich (BRGM) und Großbritannien. Neue Informationen über einen solchen mit der vergleichbaren Behörde in Deutschland (BGR) liegen mir nicht vor.
Kaum Untersuchungen
Sicher ist, dass im Zuge der militärischen Intervention in Afghanistan zwar kaum Untersuchungen geologischer, geochemischer und bergmännischer Art vor Ort durchgeführt wurden, jedoch wurden geologisch höffige Regionen und (metallogenetische) Großprovinzen schon in den Jahren zuvor berücksichtigt. Als ausgesprochen höffig bezeichnete Regionen im Norden und Nordosten Afghanistans wurden darüber hinaus von Kollegen des Britischen Geologischen Dienstes und des BRGM in Orleans (hier in zwei nachgewiesenen Fällen in direkter Zusammenarbeit mit der Industrie) betrachtet. Nach meiner Kenntnis wurden in der Tat Stahlveredler wie Niob/Tantal (in 14 zumeist pegmatitischen Vorkommen sowie zwei eluviale/alluviale Anreicherungszonen) sowie sedimentäre Blei/Zink-Erzvorkommen untersucht.
Frage der Infrastrukturen
Bei der Evaluierung der verschiedenen Rohstoffkategorien (Kohlenwasserstoffe, mineralische Rohstoffe und die angesprochenen strategischen Metalle) müssen jedoch immer die jeweiligen bestimmenden Einflussfaktoren vor Ort (etwa am Beispiel Afghanistans vorhandene Infrastrukturen in schwierigem Terrain, ausschöpfbare staatliche Unterstützungsleistungen wie Mittelzuweisungen für die Exploration und bergmännische Entwicklung einer Lagerstätte, verfügbare Arbeitskräfte) betrachtet und in eine Risdikoanalyse einbezogen werden. Es muss somit geschlussfolgert werden, dass nicht immer alle "gefundenen Goldschätze" über das Potenzial verfügen, durch kapitalkräftige internationale Bergbauunternehmen über einen längeren Zeitraum genutzt zu werden. Hier müssen die derzeit in Afghanistan herrschenden instabilen Verhältnisse und Defizite bei nur fragmentarisch vorhandenen staatlichen Dienststellen, die sich mit der Weiterentwicklung des Landes beschäftigen, in konsequenter Weise berücksichtigt werden.
Zudem muss - etwa am Beispiel der afghanischen Funde von Edelmetallen wie Gold - immer wieder postuliert werden, dass es sich hierbei hauptsächlich um so genannte Armerzvorkommen (Disseminationen in Sedimentgesteinen) oder solche in geologisch ausgesprochen schwierigem Umfeld (stark verquarzte Mineralisationen in kompolexen Störungszonen) handelt, die eine bergmännische Gewinnung schwierig machen.
Wettbewerb um Bergbaukonzerne
Bei vielen zurzeit weltweit untersuchten geologischen Großprovinzen zeichnet sich ein reger Wettbewerb um die Gunst der großen internationalen Bergbaukonzerne ab, so dass geologische oder lagerstättenkundliche Neubewertungen in vielen politisch unsicheren Ländern oder Regionen (darunter auch große Teile Zentralafrikas und Südamerikas) kritisch überdacht werden. Vielmehr ist derzeit die Tendenz erkennbar, wonach die meisten der hoch entwickelten Industriestaaten (davon sind nach meiner Kenntnis alle Mitglieder der G20-Gruppe betroffen) heimischen Ressourcen und dem Auslandsbergbau in politisch sicheren Ländern einen gewissen Vorrang einräumen.
Beispiel Deutschland
Am Beispiel Deutschlands wird dies bei den intensivierten Maßnahmen der Politik und der Industrie zur Stärkung der nationalen Rohstoffsicherheit und -vorsorge erkennbar:
- Kohlenwasserstoffe im Bereich der Deutschen Nordsee und auf dem Festland (ein neu entdecktes und vor kurzem an die Industrie verliehenes großes Erdölvorkommen im Bereich des Oberrheintalgrabens)
- Kupfer und 25 weitere wirtschaftlich nutzbare Bund-, Sonder- und Edelmetallen in der Lausitz (neues Kupferbergwerk bei Spremberg/Brandenburg)
- Wolfram (in einer Skarnlagerstätte zusammen mit Molybdän und Germanium) sowie Seltene Erden (Metalle der so genannten Leichten Lanthanide) mit Niob in einem benachbarten, durch umweltschionende In-situ-Leach-Methoden nutzbaren Vorkommen in der Nähe von Delitzsch/Sachsen
- Zinn in Assoziation mit Wolfram, Gold und Indium in zwei als wirtschaftlich nutzbar erkannten Lagerstätten im Bereich des Westlichen und Mittleren Erzgebirges
Bei diesen Beispielen wurden von der Industrie inzwischen Anträge auf Bergbauerlaubnis bei den deutschen Behörden beantragt.
Die Beispiele lassen sich international fortsetzen und führen zu der Erkenntnis, dass die von allen Industrienationen betriebenen Maßnahmen zur Rohstoffsicherheit und -vorsorge heute sowohl die heimischen als auch solche in internationaler Zusammenarbeit entwickelte Rohstioffbasen einbeziehen muss. Afghansiatn ist hier eher als ein Randbeispiel zu nennen; es wäre folgerichtig falsch, zu behaupten, Deutschlands Mangel an wichtigen Rohstoffkategorien hinge von den Ressourcen Afghanistans ab.
Von Stefan Nitschke










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